2.Was bringen Astrophysik und Weltraumforschung der christlichen
Theologie?
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2.1.Wie sehen die Religionen und die christliche Theologie unsere Existenz?

Alle Religionen beziehen sich auf drei Grundfragen der hilfesuchenden, beobachtenden, Erklärungen suchenden, denkenden und empfindenden Menschen in allen Kulturen:

oWie entstand alles?Welche Kräfte verursachten die Schöpfung?Vor allem aber, welche Kräfte lenken die Naturphänomene und das Schicksal?Welche Kräfte können uns Menschen helfen oder schaden, oder welche Kräfte richten uns?Was wird aus uns wenn wir sterben?Warum gibt es das Böse und das unverdiente Leid? – Daraus ergibt sich die Vorstellung von Göttern oder dem einen Gott und von einem Jenseits.

oWie kann der Mensch die Gunst jener göttlichen Kräfte erwirken, sie zumindest nicht erzürnen, richtig leben?Was ist gut für den Menschen?Welch Verhaltensregeln oder Gesetze ergeben sich daraus für den Menschen.

oWarum sind wir da?Wonach sollen wir eigentlich in dieser Welt trachten, nachdem vorrangig zumindest einmal unser Überleben und Grundbedürfnisse abgesichert sind?Verläuft die Schöpfung, vielleicht auch unser eigenes Leben, nach einem Plan?Das ist die Frage nach dem Sinn und Weg der Existenz und des menschlichen Lebens.

DieFragen nach Gott und dem Jenseits:

Es hat schon immer zwei, oft miteinander gekoppelte Wege gegeben, wie die Menschen Wissen um Gott gesucht oder gefunden haben:

*Eingebungen, Visionen, intuitives Erkennen, „Offenbarungen“

*Beobachtung der Schöpfung – der Welt, wie sie ist, und des Schicksals, wie es abläuft.

Alles kreative Denken des Menschen ist kombinatorisch (siehe Aufsatz „Creative Thought“ von H.S.).Ausgehend von dem Gelernten oder vorher Erkannten werden aus neuen Erkenntnissen oder Beobachtungen und eigenem Denken immer komplexere und höhere Begriffe und Gedankensysteme aufgebaut.Auch Religionsstifter bringen höhere oder unterschiedliche Lehren je nach ihren eigenen kulturellen Voraussetzungen, Erkenntnissen oder Eingebungen.Jeder Religionsstifter oder Theologe weist aber auch auf Beobachtungen der Natur – der Schöpfung und des Schicksals – hin, oft selektiv, um seine Lehre zu bestätigen.Auch Christus tat das.

Anhänger einer religiösen Lehre weigern sich oft, über die Lehre des Religionsstifters hinaus weiter zu denken oder zu beobachten und so die Lehre weiterzubilden.Bei einigen Religionen gibt es aber “Reformationen” oder neue, weiterführende Lehren.

Jede Theologie muß zu fünf grundsätzlich unterschiedlichen Fragen nach Gott Stellung nehmen:

*Die Frage nach der Urschöpfung, dem Entstehen der Existenz in die wir hineingestellt sind, die Frage nach der Urkraft, nach Gott als dem Schöpfer

*Die Frage nach dem Ablauf der Naturereignisse und der Welt, der Evolution, vor allem auch die Frage nach dem Verlauf des Schicksal, die Frage nach dem aktiv lebendigen, weiterwirkenden Gott [1]

*Die Frage nach der Anrufbarkeit Gottes um Hilfe in Not oder in Dank, nach der Erreichbarkeit Gottes, nach dem persönlichen, Anrufe beantwortenden, gnädigen Gott.

*Die Frage ob und wie Gott den Menschen richtet, die Frage nach dem richtenden Gott und damit die Frage nach dem Jenseits.

*Die Frage nach dem Bösen, Nutzlosen und dem Leid in der Welt, dessen Ursprung und Sinn, die Frage nach Gottes Toleranz des Bösen, Nutzlosen und des Leides, die Frage der „Theodizee“.[2]

Gott, Der Schöpfer:

In der judeo-christlichen Lehre gibt es nur einen Gott, ohne Ursprung oder Anfang, der aus freiem Willen und ohne bekannten Grund oder Zweck die Welt einmal so schuf, wie sie jetzt ist.

Der weiterwirkende Gott:

Die Bibel sah die einmal geschaffene, natürliche Welt als statisch an.Durch Auslegung (Exegese, Hermeneutik) der 7-tägigen Schöpfungsgeschichte hat die Theologie eine schwache Akkomodation mit der naturwissenschaftlichen Entwicklungslehre eröffnet.Die Bibel sagt nichts darüber aus, ob oder inwieweit Gott die Naturereignisse bestimmt und in die Weiterentwicklung des Kosmos, der Erde, oder die Evolution der lebenden Natur eingreift.Die Bibel sagt auch nicht, ob Gott eine Weiterentwicklung etwa nur den einmal von Ihm geschaffenen Naturgesetzen und dem in der Schöpfung ja wohl auch vorgesehenen Zufall (zumindest in der atomaren Unschärfe) überläßt. 

Auch nach der biblischen Lehre greift Gott aber öfters in den Ablauf des Schicksals ein.Dieses geschieht meist, um zu bestrafen, zu belohnen oder zu retten – ganze Völker betreffend oder nur einzelne Individuen oder Familien – gelegentlich auch in Beantwortung von Gebeten.So sieht die Bibel Katastrophen oder schwere Schicksale als den Menschen auferlegte Strafen für Verschuldungen oder als Prüfungen zur Bewährung an (von Sodom zu Hiob und bis zu den Märtyrern).Gutes und Wohlergehen werden als Gnade Gottes oder als Belohnung gesehen.

Natürlich wird das im praktischen Leben auch von Christen meist anders gesehen, wo man den ungünstigen Zufall oder das erlittene schlechte Verhalten anderer Menschen für sich selbst als unverschuldetes Leid empfindet oder naturgesetzlichen Abläufen und unzureichendem eigenen Verhalten zurechnet.Gewinn rechnet man dann aber auch als unverdientes Glück an oder als sich aus der Lage und der eigenen Handlung oder Leistung ergebend.Damit ändert sich die Lebenshaltung von einem passiven Akzeptieren des Schicksals aus der Hand Gottes zu einem aktiven, selbstverantwortlichen Eingreifen und Gestalten des eigenen Lebensweges.

Der persönliche, gnädige Gott:

Dem christlichen Glauben folgend, wird Gott als liebender Vater gesehen und kann von jedem jederzeit angerufen werden.Hilfe wird in Aussicht gestellt.Gott beantwortet aber selten die Anrufe wörtlich, reagiert aber sehr wohl von Fall zu Fall auf einige Anrufe, auf viele andere aber nicht. 

Die Bibel berichtet allerdings nur von der Anrufung Gottes durch die Juden – später durch die Christen – und nur von Antworten Gottes an diese.Es ist in der Bibel wohl angenommen, daß die Nicht-Juden oder Nicht-Christen ihre eigenen Götter anrufen – oder rufen und flehen sie alle ungehört ins Leere?

Diese biblische Darstellung der selektiven persönlichen Verbindung Gottes zu den Menschen verlangt schon auf unserer “global” und multikulturell werdenden Erde eine theologische und religions-historische Klarstellung, Erweiterung oder Richtigstellung (wann hat Gott zu wem auf Erden gesprochen), erst recht in Vorbereitung auf ein Weltraum-bezogenes religiöses Denken.Es ist wohl nicht haltbar, daß Gott in den Jahrtausenden menschlicher Entwicklung (und den Jahrbillionen der Weltraumentwicklung) nur zu den Juden des Alten Testaments (und zuletzt zu Christus oder Paulus) auf nur gerade dieser Erde gesprochen habe. [3]

Der richtende Gott und das Jenseits:

Die Christliche Lehre (und nicht nur diese) sieht jeden Menschen als von Natur aus moralisch nicht perfekt, fehlerhaft und im christlichen Sinne sündig an.So sieht die Christliche Lehre das Leben primär als eine Bewährungsprobe.Am Ende des Lebens steht das Gericht Gottes.

Wegen der menschlichen Fehlerhaftigkeit müßte so zwangsweise eine Verurteilung jedes Menschen erfolgen.Die Bibel zeigt nun zwei unterschiedliche Wege aus dieser Lage heraus.Zum einen kann der gütig-liebende Gott-Vater gnädig verzeihen.Zum Anderen verlangte es aber den Opfertod Jesu Christi, um die Sünden der Menschen zu kompensieren, als ob Gott sonst nicht verzeihen würde.Zum Erreichen der verzeihenden Gnade Gottes sind Glaube und gute Werke der Menschen verlangt – nach der Meinung vieler Christen nur der Glaube.

Der Richtspruch Gottes führt zu einem ewigen Leben im “Himmel” oder der “Hölle” oder einem vorübergehenden Aufenthalt im “Purgatorium”.

Damit liegt die Bedeutung des göttlichen Gerichtes nicht nur in der anerkennenden oder ablehnenden Beurteilung der individuellen Glaubenshaltung und Lebensführung, sondern vor allem auch in der Kompensation des Lebens auf Erden durch ein Leben im Jenseits.Wer hier unschuldig gelitten hat, kann dann im Himmel große Freuden erwarten.Wer hier im Bösen ein genüßliches Leben führen konnte, wird in der Hölle ewig dafür büßen.

Das Böse, das Leiden und das Nutzlose in der Welt:

Warum geht es guten und unschuldigen Menschen oft so elend auf dieser Erde?Warum geht es bösen Menschen oft unbestraft so gut auf dieser Erde?Wie kann man das mit dem Bild Gottes als eines gütigen Vaters vereinigen?Wenn nicht aus Gottes Hand, woher kommt dann das Böse und das Leiden in dieser Welt?

Der christliche Glaube und andere Religionen erklären das Böse mit einer zweiten, Gott entgegengesetzten, auch transzendentalen Kraft.Wenn nicht ein anderer Gott, so ist dies zumindest ein abtrünniger Engel, der Luzifer, der Teufel.Ihm ist Macht auf dieser Welt gegeben, den Menschen Prüfungen aufzuerlegen und den Bösen unter ihnen Vorteile in ihrem Leben zu verschaffen.Werden die Prüfungen bestanden, winkt dem Menschen aber reiche Kompensation im Jenseits.Unterliegt der Mensch den Versuchungen und genießt die Früchte des Bösen, werden schwere Strafen im Jenseits folgen. 

Dieses Bild bezieht sich vor allem auf moralische Versuchungen im Leben.Es erklärt aber nicht, warum schon Kleinkinder körperlich und psychisch leiden und sterben, warum Jugendliche durch Mißgeburt, Krankheit, Unfall oder seelische Mißhandlung schwer leiden müssen und viele alte und schwache Menschen nicht nach ihren Verdiensten, sondern nach statistischer Wahrscheinlichkeit (und fast nach Willkür) durch einen qualvollen Tod enden müssen.Es erklärt auch nicht den Tod vieler Millionen im Holocaust, von wohl 40,000 Menschen (meist Frauen, Kindern und Alten) bei der Bombardierung Dresdens, von den vielen unschuldigen Opfern von Terroristenanschlägen und von allem andere, was jährlich und täglich die Welt erschüttert.Das Reden von „auferlegten Prüfungen“, der Notwendigkeit der Buße, und des „Zeichens“ für andere Menschen versagt hier, egal ob es sich bei dem furchtbaren Leiden um Christen, Juden oder Menschen handelt, die nie von Christus gehört haben.

Eine theologische Erklärung des vorzeitigen Ablebens wertvoller Menschen, der sinnlosen Zerstörung kultureller Werte (über eine eventuelle Bestrafung der beteiligten Menschen hinaus) oder der großräumigen Zerstörung in der Natur, vor allem in den großen Auslöschungen der geologischen Zeitabläufe [4], aber auch in den vielen Ereignissen, die auch in unseren Zeiten beobachtet werden können, fehlt ebenfalls.

Das Gesetz:

Welch Verhaltensregeln oder Gesetze gelten für den Menschen, um die Gunst jener Kräfte, die die Schöpfung und das Schicksal lenken, zu erwirken, sie nicht zu erzürnen, richtig zu leben?

Die Religionen aller Kulturen empfehlen Opfer an die Götter, um diese günstig zu stimmen oder zu versöhnen.Diese Opfer an die Götter werden dann im Laufe der Geschichte in Opfer an den Tempel, letztlich an die Priester oder Mönche umgestaltet.So war es auch in der christlichen Kirche.Das Opfer wird schließlich im Lauf der Geschichte als sozialer Beitrag zu einer menschlichen Gesellschaft oder als moralische Entsagungs- und Disziplinübung umgedeutet.

Gleich wichtig wie die Opfer wurde das Ritual, von den Priestern gestaltet und überwacht,meist deren Anwesenheit verlangend.Es ist interessant, wie in allen Religionen das Ritual – die vorgeschriebene Bewegung, Kleidung und Handlungsfolge – zum wesentlichen Bestandteil des Menschlichen Bemühens wird, den Göttern oder dem einen Gott zu gefallen.

Auch das Ritual wurde zum Teil in eine moralisch interpretierte Selbstdisziplinübung uminterpretiert, sei es das Knien oder sich auf den Boden werfen, sei es das Kleidungsstück auf irgendeiner Stelle des Körpers tragen oder gerade auch nicht (Hut, Schal oder Schuhe).

Zu den Vorschriften für Opfer und Rituale kommen bei allen sich entwickelnden Religionen Reinheitsvorschriften und die Vorschriften für das Verhalten der Menschen untereinander hinzu.So entsprechen die in einer Kultur anerkannten Tugenden dann immer dem Wunsch einiger ihrer Götter oder dem Auftrag des einen Gottes.Deshalb erfreut das tugendhafte Leben diese Götter, das untugendsame erzürnt sie.Darin liegt der Übergang der Religion von einem Opfer- und Ritualkult in eine die Gesellschaft und deren Gesetze gestaltende Kraft.

Dazu wurden auch noch die von den Priestern für das Zusammenleben der Allgemeinheit als notwendig oder empfehlenswert gesehene Gesetze als von den Göttern gewünscht ausgegeben, siehe die Zehn Gebote.Das mag grundsätzlich daran gelegen haben, daß man das eigene Erkennen von guten „Ideen“ für solche Gesetze in früheren Zeiten als göttliche Eingebung empfand, wie ja das Erscheinen von Ideen im eigenen Denken für viele Menschen auch heutzutage noch etwas Mysteriöses ist.Es mag aber auch ganz einfach sein, daß man (wie auch in antiker Literatur oft zu finden) durch Zuschreibung der Autorschaft der Gesetze an einen Größeren, an den Gott, größere Wirkung und eigene Geltung erreichen wollte (siehe Entstehung des 5. Buches Moses, des „Deuteronomiums“ [5]).

Die jüdisch-christliche Lehre sieht ihre Gesetzesgrundlage in den Zehn Geboten, die die Verehrung Gottes und ein praktisch tolerables Zusammenleben der Menschen untereinander festlegen.Die Zehn Gebote enthalten keine karitativen Hinweise.Die über die Zehn Gebote hinausgehenden Gesetze der Bücher des Alten Testaments sind entweder weitere Ausbildungen der gegebenen Grundgedanken des menschlichen Zusammenlebens oder sind praktisch-hygienisch oder ritualistisch und darin zeitgebunden oder willkürlich.Erstere wurden von Christus menschlich weiter erhoben und auf das Wesentliche geführt, letztere wurden von den Christen bei der Einbeziehung der Heiden vieler Kulturen in den christlichen Glauben als überwunden erklärt und abgelegt.

Die christliche Lehre betont die Nächstenliebe, die Ablehnung von Macht, Reichtum und Genuß, und das Befolgen des Sinnes der Gesetze und nicht nur des Buchstabens derselben.Mit der Betonung der Nächstenliebe und der Beachtung der sanftmütigen, barmherzigen, eines reinen Herzens, friedfertigen, armen und leidenden Menschen vor den Reichen und Mächtigen erhebt sich die christliche Lehre über das Denken ihrer Zeit und zeichnet sich vor allen anderen Religionen aus – einen Durchbruch der kulturellen Entwicklung der menschlichen Zivilisation bringend.Damit eröffnet die christliche Lehre dem menschlichen Denken und Empfinden eine sich über das praktische Zusammenleben erhebende, neue Dimension und neue Werte – und auch neue Widersprüche mit dem praktischen Leben.Damit steht aber nicht mehr das Opfer an die Götter und das Ritual im Mittelpunkt der religiösen Praxis, sondern, außer dem demütigen Gebet an Gott, der Mitmensch und das Empfinden

Die moderne Ethik (oder Moralphilosophie) ist als Zweig der Philosophie die praktische Nachfolgerin der Gesetzes- oder Morallehre der Religion.In der heutigen Aussage ist die Moralphilosophie nach Renaissance, Reformation und Aufklärung entstanden.Der Verwurzelung im göttlichen Willen enthoben, sucht die Ethik eine rationale Begründung ihrer Lehre.Sie findet sie im „Nutzen“ für die Gesellschaft und für den Einzelnen oder in dessen „Glück“.Dabei fehlt eine vertiefte Analyse, was das menschliche Glück [6] eigentlich ausmacht, und wie die vielen Dimensionen desselben gegeneinander abgewogen werden können. [7]

Das Nutzen-Denken brachte eklatanten Mißbrauch (wie etwa bei den Nazis, aber nicht nur bei diesen).Neue Theorien (siehe Rawls) versuchen, durch Umkehr des Nutzendenkens auf Minimierung des Risikos für die Schwächsten derartigen Mißbrauch zu vermeiden und verlangen die Unverletzbarkeit jedes menschlichen Lebens.Das kann den Unterprivilegierten und Unterdrückten Schutz geben, aber läßt nicht nur eine Bewertung der bei allen Menschen bestehenden Hoffnungen und Aspirationen außer Acht, sondern auch große Gebiet menschlichen Lebenswertes im Emotionellen und Kulturellen. 

In der philosophischen Ethik fehlt auch die eindeutige Lösung des Dilemmas, ob die Regeln der Moral für alle menschlichen Handlungen gelten oder ob sie durch die moralische Bedeutung eines erwarteten Ergebnisses oder erreichen eines Zieles außer Kraft gesetzt werden (siehe in letzter Zeit die Rechtfertigung des Terrorismus im Kampf um Freiheit oder Folter und Tötung von vielen Unschuldigen, um erwartete, größere Terroranschläge zu vermeiden). 

So bleibt das Verlangen nach absoluten, menschlich akzeptablen Richtwerten der Moral für das persönliche Leben, das Familienleben, das Verhalten der Industrie und der Regierungen.Fragen des Gewissens oder des menschlichen Empfindens bleiben bei der akademisch-intellektuellen Ethik-Philosophie aber unbeantwortet, wobei die akademische Psychologie das Emotionale auch jeweils auf Kausalität oder neuerdings auf ursprünglichen Zweck in der Evolution hinterfragt.

Wesentlich bleibt somit für die Religionen unserer Zeit – und wird im Laufe der globalen Entwicklung auf Erden immer wichtiger – die Formulierung von (gottgefälligen) Verhaltensregeln mit Gültigkeit für die Menschen aller Kulturen (siehe Hans Küng’s Schriften).Dabei zeigt sich, daß sich die Regeln des Verhaltens gegenüber Gott (auch das Ritual) immer mehr verlieren und die Regeln des Verhaltens gegenüber den Mitmenschen in den Vordergrund treten.

So werden die religiösen Gesetze schließlich eine Richtschnur für das Wohlergehen der Menschen auf Erden (mit lediglich einem Blick über die Schulter, ob Gott sich genügend geehrt fühlt).In der Praxis bezieht sich die Sorge um das Wohlergehen dabei oft vor allem auf die Menschen der gleichen Nation, ethnischen Gruppe oder Religionsgemeinschaft, erst im übertragenen Maß auch auf alle anderen Menschen, nicht aber auf die jeweiligen Feinde, die mit Sanktionen, Schikanen und Terrorismus oder Foltern bedacht werden, seien es politische Gegner oder benachbarte Stammesgruppen im Territorialstreit (siehe Mittlerer Osten). 

So stehen die religiösen Gesetze dann in einer gewissen und zunehmenden Parallelität zu den politischen, vor allem sozialpolitischen Richtlinien und Regeln des Zusammenlebens der Menschen untereinander.Damit erhebt sich die Frage, ob die Menschen bei zunehmender politischer Reife in ihrer gesellschaftlichen Regelung letztlich auf dieselben Gesetze kommen, wie die Hochreligionen, oder wer von wem lernen muß oder wo Differenzen bleiben werden oder müssen.Eine globale, multikulturelle Gesellschaft wird sich ja auch von dem Bezug der empfohlenen Verhaltensgesetze auf die Aussagen nur einer speziellen Gottheit oder einer einzelnen Religion lösen wollen.

Die zunehmend sichtbaren Probleme des Wohlfahrtsstaates und der internationalen Hilfe zeigen praktische Grenzen der alten religiös-idealen Morallehre auf.Wer nicht selber etwas leisten will und sich diszipliniert, wird nun weniger unterstützt.Diese Grenzen der Nützlichkeit der Hilfe werden auch von der praktischen Psychologie oder Pädagogik im zwischenmenschlichen Verhalten aufgewiesen.Eltern wird etwa empfohlen, ihren Kindern auch Entsagungen zuzumuten, um daran zu reifen.Eltern von Aussteigern oder Süchtigen wird geraten, diese erst einmal in einen Tiefpunkt geraten zu lassen, wo sie sich selbst zu helfen beginnen und vorher Hilfe zu versagen.

Wenn man einmal soweit ist, besteht die Gefahr, daß bei der Auslegung des Spruches “liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst” der Willkür oder der jeweiligen Mode der Politik oder Psychologie Tür und Tor geöffnet sind.Als Christ will man aber weder eine Welt der rohen Nützlichkeitslehre noch der jeweiligen Mode in Politik oder Psychologie.So sucht man die Grundlage für eine Welt der warmen Menschlichkeit und des Gutes-Tun in einem einfachen Fundamentalismus der alten Religionslehre.

Im Maße wie das moderne Denken zunimmt, nimmt der Glauben an eine alles bestimmende Lenkung durch die Hand Gottes ab.Damit findet sich aber der Menschen mit der Verantwortung zu persönlichem Einsatz und mit der persönlichen Verantwortung für die Folgen des eigenen Wirkens. 

Das religiöse Gesetz, die Morallehre und die Ethik-Philosophie sind im Wesentlichen auf die menschlichen Schwächen und Problemlösungen ausgerichtet.Nur sekundär sind sie auf die Steigerung von Nutzen, „Glück“, Lebensqualität oder das Erreichen eines persönlichen Potentials oder das der Gesellschaft ausgerichtet, wie es sich im Leben ergeben könnte.So gibt es keine religiöse Gesetzesausrichtung oder Ethik Vorstellung, die die Förderung der Stärken und Fähigkeiten der Menschen zum Ziel hat (lediglich die staatliche Schulpflicht) oder die Wahrnehmung von Chancen und Möglichkeiten in der persönlichen oder gesellschaftlichen Evolution oder Entwicklung in der Zeit (letzteres dem freien Markt überlassend).Erst moderne Staaten beginnen Zielvorstellungen und Strategien für deren Erreichung von ihren intellektuellen oder politischen Führern (wie schon seit einiger Zeit von ihren Business Executives) zu verlangen.Schließlich ist ja auch die Erziehung unserer Kinder bis zum Studentenalter derartig ausgerichtet, das heißt auf Förderung der Stärken und Fähigkeiten, sowieWahrnehmung von Chancen und Möglichkeiten.Gibt es hier etwas nachzuholen bei der Entwicklung des religiösen Denkens und der Theologie?

Der Sinn oder Plan der Existenz und des menschlichen Lebens:

Warum sind wir da?Hat die Existenz in dieser Welt einen göttlichen Plan als Grundlage?Lenkt Gott unser eigenes Leben nach einem Plan?Wonach sollen wir eigentlich in dieser Welt trachten, nachdem zumindest einmal unser Überleben abgesichert und unsere Grundbedürfnisse erfüllt sind? 

Die jüdisch-christliche Lehre gibt keinen Grund an, warum Gott die Welt schuf oder was Gott mit der Welt vorhat oder bezweckt.Es heißt nur, daß Gott mit der Schöpfung zufrieden war.Damit kann man eigentlich nur sagen, daß die gesamte Schöpfung, einschließlich uns Menschen, lediglich zur Freude Gottes da ist.

Da die jüdisch-christliche Lehre keine Evolution der Schöpfung kennt, kann man auch von keinem Ziel einer Weiterentwicklung der Schöpfung oder der menschlichen Kulturen sprechen.Die kirchliche Lehre sieht in der Hinwendung der Menschheit auf Gott und in der letztlichen Erlösung durch Christus für ein ewiges Leben im Jenseits einen göttlichen Plan für die Menschheit als ganzes und für jeden Einzelnen.

Wonach sollen wir in dieser Welt trachten?Dem Menschen wurde weder bei der Vertreibung aus dem Paradies noch irgendwo später in der Bibel ein Auftrag zur zivilisatorischen Entwicklung oder persönlichen Entfaltung erteilt.Die christliche Lehre spricht nur von der Zukunfts-Erwartung des Paradieses oder des „Ewigen Jerusalems“, das heißt einer besseren Welt in der Zukunft, etwa nach apokalyptischen Katastrophen.Die jüdisch-christliche Lehre gibt lediglich einige Hinweise auf eine menschliche Lebensführung in Form von Anweisungen, wie wir zu leben haben.Dazu findet man folgende Aussagen:

  • Gottes Worte: „Mehret Euch und machet Euch die Welt Untertan“ (1. Buch Moses; 1,28)
  • Die Zehn Gebote
  • Mancherlei Sprüche der Propheten, dem Glauben treu zu bleiben.
  • Die Formeln zur Zulassung zum Jerusalemer Tempel, siehe Micha 6 und Psalm 15: Bei Micha 6, V. 8 heißt es, je nach Übersetzung: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten (Rechtes tun) und Liebe üben („Mitleid lieben“, „Bundestreue zu lieben“) und demütig sein (in Demut wandeln) vor deinem Gott“ oder ausführlicher in Psalm 15: „Wer untadelig lebt und tut, was recht ist, und die Wahrheit redet von Herzen; wer mit seiner Zunge nicht verleumdet; wer seinem Nächsten nichts Arges tut und seinen Nachbarn nicht schmäht; wer die Verworfenen für nichts achtet, aber ehrt die Gottesfürchtigen; wer seinen Eid hält, auch wenn es ihm schadet; wer sein Geld nicht auf Zinsen gibt und nimmt nicht Geschenke wider den Unschuldigen.“ 
  • Die christliche Morallehre (schon im Alten Testament vorhergenommen), s. Matth. 22, 37-39: Du sollst Gott über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“.
  • Die so wichtigen Seligpreisungen der Bergpredigt - sanftmütig zu sein, barmherzig, reines Herzens, und friedfertig (Matthäus 5) - und die zahlreichen Parabeln in der Lehre Christi.
  • Mit dem anvertrauten Pfund wuchern (Matth. 25, 14-30).
  • Aussagen über das Jüngste Gericht und das folgende Ewige Leben in Himmel oder Hölle.
Damit wird nicht das „wozu“, sondern das „wie“ wir leben Inhalt und Sinn des menschlichen Lebens.Das Erreichen des Paradieses ist das einzige Ziel.So ergibt sich die von Paulus [8] ausgebaute kirchliche Lehre:Des Menschen Lebensweg geht von Erbsünde durch Bewährung in Gottesglaube und Nächstenliebe zu Gericht;dann folgt entweder die Erlösung, die nur durch das Opfer Christi möglich wurde, oder die Verdammung – das heißt entweder das ewige Leben im Himmel oder in der Hölle.

In diesen Aussagen geht die Theologie immer von der Heiligen Schrift aus.Die Wissenschaft geht in ihrer Methodik aber immer von Beobachtungen aus.Warum kann oder sollte die Theologie nicht auch relevante Beobachtungen von Gottes Schöpfung und der Geschichte in ihr Denken einbeziehen?



[1]Siehe die „Christians in Science Conference“, London, 28. September 2002, besonders die Vorträge von Graham McFarlane und Howard Van Till.
[2]“Theodizee” nach Duden: „Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von Ihm in der Welt zugelassenen Übels“. 
[3]Und wie steht es mit Mohamed und etwa J. Smith, dem Begründer der Mormonen?
[4]Fünf große „Auslöschungen“ sind bereits seit Anfang der großartigen Diversifikation des multizellularen Lebens auf Erden vor ungefähr 600 Millionen Jahren geschehen, wie aus Fossilfunden zu erkennen.Die Auslöschung, die vor ungefähr 450 Millionen Jahren geschah, muß an die 90 % aller Lebensformen vernichtet haben, dabei auch die Aufbaupläne einiger Organismen, die dann nie wieder entstanden sind.Die nächste Auslöschung fand dann vor ungefähr 350 Millionen Jahren statt.Die doppelte Auslöschung vor 250 und 200 Millionen Jahren vernichtete die damals vorherrschenden Trilobiten und mit ihnen 95 % aller Arten des Lebens.Die Verlustzahl an Lebewesen, die damals existierten, mag anders gewesen sein, da man die Zahl der damals vorhandenen Lebewesen für jede der vernichteten Arten nicht kennt.
Nur zwei dieser Auslöschungen können in Zusammenhang mit einem Meteoriteneinschlag gesehen werden.Aber jederder Auslöschungen war verbunden mit und wahrscheinlich ausgelöst von gigantischen Blasen hochflüssigen Magmas, die in unregelmäßigen Abständen von der D“-Schicht oder einer anderen Schicht tief im Inneren der Erde aufstiegen (siehe die Forschung von McLean, Virginia Polytech., Jason Morgan, Princeton, und Vincent Courtillot, Paris).Wenn eine derartige Aufquellung die Erdoberfläche durchbricht, entstehen zunächst riesige Explosionen und der Ausstoß von sehr großen Mengen giftiger Gase (mit Schwefel und Kohlenstoffdioxyd Gehalt), die zum Teil in die Stratosphäre der Erde hinaufreichen, dabei die gesamte Ozonschicht zerstören und riesige Mengen von stark saurem Regen erzeugen.Dan folgt die Bildung großer Aufrisse an der durch die aufsteigende Basaltblase dort etwas aufgewölbten Erdoberfläche, die mehrere Hunderte von Kilometern lang sein können, einige quer zueinander, was zu einer sehr schnellen Verteilung des hochflüssigen Basalts über große Gebiete und zum Ausstoß von weiteren Gasmengen führt.Dieses geschieht in Dutzenden von individuellen Ausflüssen über einen längeren Zeitraum, wobei jeder Ausfluß möglicherweise innerhalb von Tagen geschieht und dabei sehr schnell mehrere Hundert Kilometer weit läuft.Auf Grund der damit zusammenhängenden geologischen und atmosphärischen Ereignisse senkt sich die Oberfläche der Ozeane bis zu 250 Meter ab und zerstört damit den noch verbleibenden, größten Reichtum an Lebewesen in den flachen Teilen der Meere, der nicht schon durch die Giftgase und die sauren Regen vernichtet wurde.

Die bekanntesten Basaltablagerungen von derartigen Ereignissen sind die „Deccan Traps“ in Indien, die eine Fläche von der Größe Frankreichs bedecken, an einigen Stellen über 1,500 Meter dick sind und mit der Auslöschung der Dinosaurier in Zusammenhang stehen.Gleichbedeutend waren die „Siberian Traps“, die mit der Auslöschung der Ära der Trilobiten in Zusammenhang stehen.Die Palisaden am Hudson bei New York und die Basalte am Columbia Fluß in den USA sind kleinere derartige Ausflüsse.Die bedeutendsten Basaltausflüsse geschahen an den Stellen und zu der Zeit, wo Kontinentalplatten auseinander strebten und sich damit Ozeane erweiterten oder sich neue Ozeane bildeten – wobei die Art und Richtung des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung nicht bekannt sind.

Man kann mit Sicherheit annehmen, daß weitere derartige Katastrophen in ungleichmäßigen Zeitabständen in der Zukunft geschehen werden, die nächst vielleicht innerhalb von 10 Millionen Jahren.Ob die Menschheit und ihre Zivilisationen überleben werden?Welche Richtung wird die Evolution nach Abtreten der Menschheit nehmen?

Durch die Entwicklung eines akustischen „Cat-Scans“ der Erde könnte man bald derartige aufsteigende Basaltblasen einige Zeit vor deren Durchbruch durch die Erdoberfläche erkennen, auch den Durchbruchpunkt dann genau vorhersagen.Wie wird sich die Menschheit in einer solchen Zeit der erwarten Riesenkatastrophe verhalten?

[5]Siehe R. E. Friedman, „Who wrote the Bible“, Harper & Row, New York, 1987, ISBN 0-06-097214-9 
[6]Für eine Diskussion der Vielzahl unterschiedlicher menschlicher Emotionen oder Gefühle siehe den Aufsatz „Brain, Mind: Human Parsonality“, Kapitel 2.1 und andere, von H. Schwab
[7]Natürlich „dekonstruiert“ die post-moderne Philosophie auch diesen Ansatz, ohne jedoch einen anderen von allgemeinerer Gültigkeit dagegen setzen zu wollen oder zu können. 
[8]Siehe im Besonderen den Brief des Paulus an die Römer