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1.2.  Die zusätzliche Perspektive der Erforschung des Weltraumes

 

Nun kommt in unseren Tagen ein neues Gebiet wissenschaftlicher Erkenntnis dazu – das Wissen um die Tiefe und Dynamik des Weltraums und damit auch ein Blick in die Tiefe der Zeit.  Bringt dieses neue Wissensgebiet etwa auch wieder neue Fragen oder Herausforderungen für die christliche Theologie, wie es Galileo und das Auftreten der Darwinschen Entwicklungslehre brachten?  Werden diese Herausforderungen diesmal von der Theologie aufgenommen?

 

Die Erforschung des Weltraumes führte zunächst bei den Menschen zu einer Ernüchterung, als auf Mars keine Kanäle oder Lebewesen gefunden wurden und sich auch alle anderen Himmelskörper als leblose Gebilde aus Mineralien oder giftigen und zu heißen oder zu kalten Gasen ergaben.  Das mag die Wissenschaftler interessieren, bedeutete aber dem gewöhnlichen Menschen nicht viel.  Der gläubige Mensch und der Theologe erkennen aber dennoch in der sich entfaltenden Tiefe und Gewaltigkeit des Weltraumes die eher noch beeindruckendere Großartigkeit der göttlichen Schöpfung.

 

Nun hat die Astrophysik und Astronomie zunehmend klargestellt, wie die Sterne des Himmels und die Galaxien entstanden sind.  Die Astrophysik und Kernphysik haben aber auch klargestellt, wie die Sterne und unsere Sonne nach Ausbrennen ihrer Energiequellen wieder zusammenfallen, verlöschen oder in Schwarzen Löchern im Galaxiezentrum verschwinden, vielleicht auch wieder verstrahlt werden, so daß sich alle Strukturen des Kosmos am Ende auflösen werden.  Nach einer anderen Theorie könnte der ganze uns bekannte Kosmos wieder auf einen einzigen Punkt zusammenfallen in Umkehrung seiner Entstehung im Urknall.

 

Neuerdings hat sich herausgestellt, daß auch andere “Sterne” im Weltraum von Planeten umgeben sind, wie unsere Sonne.  Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Bildung von Planeten um ferne Sonnen eher die Regel als die Ausnahme ist.  Man weiß inzwischen auch schon einiges mehr von dem Vorgang der Entstehung und den Eigenarten der Planeten.  Die Grundmaterialien im Weltraum sind immer dieselben und überall gelten die gleichen Naturgesetze.  Somit ist, selbst bei der sehr großen Vielfalt der Phänomene bei der Entstehung der Galaxien, anderer Sonnen und ihrer Planeten, die Entstehung und das Vorhandensein von Erd-ähnlichen Planeten irgendwo auch bei anderen Sternen im Weltraum mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit anzunehmen.  Dabei sind jeweils gewisse Gebiete in gewissen Galaxien für die Entstehung höheren Lebens der Art, wie wir es kennen, besonders geeignet.  Da alleine unsere Galaxie, die Milchstraße, bereits einige Milliarden Sterne enthält (möglicherweise mehr als 100 Milliarden), könnten also schon in dieser “näheren”, galaktischen Umgebung von uns zumindest einige “Erden” sein.  Im Gesamtkosmos, mit vielen Milliarden Galaxien (wohl mehr als 10 Milliarden), kann man also beachtliche Zahlen von „Erden“ erwarten.

 

Unsere Erde ist erst 7 bis 10 Milliarden Jahre nach der Urschöpfung durch allmähliche Materiekonzentration und Abkühlung entstanden.  Man kann inzwischen alle Stufen der Entstehung des Lebens auf Erden nachvollziehen (außer bisher nur der synthetischen Herstellung von RNA).  Unsere spezielle, menschliche, „höhere“ Zivilisation ist aber erst 3 ½ Milliarden Jahre nach der Entstehung des Lebens durch natürlicher Evolution à la Darwin vor ca. 7,000 Jahren erschienen und hätte sich beinahe bereits in unseren Tagen durch einen unsinnigen Nuklearkrieg wieder vernichtet und wird das vielleicht eines Tages durch Massenvernichtungsmittel tun.  Weitere geophysikalische Katastrophen müssen erwartet werden (die nächste möglicherweise innerhalb von „nur“ 10 Millionen Jahren) und werden ebenfalls wieder weitreichendste biologische Auslöschung auf Erden bringen.  In weiteren ungefähr 2 Milliarden Jahren wird unsere Sonne derartig heiß geworden sein, daß auf Erden sowieso keine Zivilisation mehr bestehen kann, (sich danach erst bis auf Näher der Erde ausdehnend, dann zusammenfallend, um ein weißer „Zwerg“ zu werden).

 

Erd-artige Planeten woanders im Weltraum werden mit ihren Sonnen zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sein.  Wenn überhaupt Leben auf ihnen entstand, dann kann dieses ja nicht von Anfang an höhere Komplexität aufgewiesen haben, sondern solch Komplexität jeweils auch nur durch eine natürliche Evolutionen erreicht haben.  Es mag hier und da zu hohen Zivilisationen gekommen sein und diese mögen sich erhalten oder auch bald wieder selbst vernichtet haben.  So müssen Zivilisationen im Weltraum, wie das Entstehen und Vergehen ihrer Sterne und deren Planeten, in einer Zeitverteilung zu erwarten sein, einige weit vor uns, andere mit uns, wieder andere weit nach uns.

 

Fragen von “richtig” und “falsch”, “gut” und “böse”, sind in jeder durch eine Evolution gehenden Entstehung intelligenten Lebens aus der statistischen Verteilung von Eigenschaften und Lösungswegen, wie für die Evolution notwendig, zu erwarten.  Dabei bezieht sich „gut“ und „böse“ ja nicht auf was man selbst für sich tut, sondern was man an Anderen oder für Andere tut (einschließlich anderer Teile der Schöpfung in einem umweltbewußten Denken).  Da jede höhere Zivilisation das Zusammenwirken von vielen Individuen verlangt, geht es also um das, was man für diese Gruppe oder Gesellschaft tut.  Aber die auf sämtliche Mitglieder der eigenen Art, also auf alle Untergruppen ausgedehnte Bruderliebe, über Familienverbände hinaus, ist nicht zwangsläufig zur Evolution von einzelnen Zivilisationen notwendig (siehe bei uns Menschen solche Kulturen wie die der Spartaner, Azteken, Japaner, Israelis, Serben oder Muslims).  Im Gegenteil, Natur scheint auch den Kampf konkurrierender Gruppen als Teil der Evolution hervorzubringen. 

 

Nimmt man nun aber im Weltraum auch nur eine einzige intelligente Zivilisation mit Werten von gut und böse unter den Milliarden und sich ständig noch vermehrenden Sonnensystemen (Sternen) einer geeigneten Galaxie als Minimum an, so kann man dennoch Milliarden solcher “ethischer” oder teils-ethischer Zivilisationen im Laufe der Zeit im Weltall erwarten, denn so viele Galaxien gibt es.  Wenn eine solche Zivilisation aber nur einmal in  tausend Galaxien auftritt, so wird es zumindest noch viele Millionen von ihnen geben oder gegeben haben. 

 

Für die christliche Theologie ergibt sich nun die Frage, ob man erwarten kann, daß alle intelligenten Wesen in allen ethischen Zivilisationen im Weltraum an einen liebenden Gott-Vater glauben, selbst aber mit Erbsünde behaftet sind oder sein müssen?  Muß und kann man die Entsendung des “eingeborenen” Sohnes Gottes und seinen qualvollen Opfertod auch bei allen anderen ethischen Zivilisationen im Weltraum erwarten oder nur bei einigen?  Das wären möglicherweise immer noch Millionen oder Milliarden mal, sich immer wieder im Laufe der Zeit wiederholend?  Wenn es Erlösung auf anderen Planeten im Kosmos gibt, muß diese immer durch die Ermordung von Gottes Sohn erfolgen?  Könnte diese auch durch ein festliches Opferritual mit Tier- oder Lebensmittelopfern erfolgen, wie von primitiven Religionen bekannt?  Ist die Tötung von Gottes eingeborenem Sohn Millionen Mal, immer wieder, auf einem Planet irgendwo im Kosmos nach dem anderen, wirklich eine vertretbare Interpretation Von Gott und Gottes Schöpfung?  Wenn es aber dem entsandten Gottessohn auf anderen Planeten im Weltraum besser ergangen ist oder ergehen wird, wie steht es dann mit der “Erlösung” von der Sünde auf diesen anderen Planeten im Raum?  Die Vorstellung einer Sonderstellung der Erde in der Gesamtschöpfung hat sich doch bisher nicht halten können und kann wohl auch nicht im “Guten”, “Bösen” oder der Erlösung postuliert werden.  Was aber ist eine generelle, universale oder zumindest sich oft wiederholende Lösung?

 

Und wie steht es mit der Vorstellung vom ewigen Leben in einem Kosmos, dessen materieller Inhalt aus einer Urenergie entstanden ist und dessen materieller Inhalt und gesamte Struktur in “Schwarzen Löchern” oder einer Zerstrahlung über viele Milliarden von Jahren im Weltraum auch wieder völlig aufgelöst wird (siehe Hawking) oder wieder auf einen einzigen Punkt zusammenfällt?  Wie steht es da mit der Erhaltung der „Seelen“? [1] 

 

Wegen der so sehr langsamen Lichtgeschwindigkeit (in Weltraumdimensionen gesehen) ist es unwahrscheinlich, daß wir speziell gesuchte oder gefragte Informationen von anderen Zivilisationen im Weltraum in Absehbarer Zeit erhalten.  Mögliche theologische Konsequenzen allein aus der Tatsache der Existenz anderer Zivilisationen im Weltraum und dem Kenntnisstand der Weltraumforschung  ergeben es aber dennoch.  

 

 

 



[1] Es gibt vage Spekulationen bezüglich der Existenz anderer Universen (dargestellt als Sequenzen oder Verästelungen von Blasen, die jene sich ständig ausdehnenden Universen darstellen sollen).  Solch andere Universen hätten aber keine Zeitbeziehung oder physikalische Beziehung zu unserem und wären möglicherweise auch von anderer Art.